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Über Esperanto

L. L. Zamenhof: der Schöpfer des Esperanto

Ein Augenarzt aus einer gespaltenen Stadt, der sein Leben einer Idee widmete: Eine neutrale Sprache kann Menschen helfen, einander zu verstehen.

Aktualisiert: 6 Min. Lesezeit

Ludwik Lejzer Zamenhof (15. Dezember 1859 – 14. April 1917) war ein polnisch-jüdischer Augenarzt und der Schöpfer des Esperanto. Er wurde in Białystok im damaligen Russischen Reich geboren und veröffentlichte die Sprache 1887 in Warschau unter dem Pseudonym Doktoro Esperanto. Außerdem entwickelte er eine humanistische Weltanschauung, den Homaranismus (Homaranismo), und wurde vierzehnmal für den Friedensnobelpreis nominiert. Er starb im Ersten Weltkrieg in Warschau; alle drei seiner Kinder wurden später im Holocaust ermordet.

Wie hieß Zamenhof mit vollem Namen?

Bei der Geburt erhielt er den hebräischen Namen Eliezer, in russischen Dokumenten als Leyzer eingetragen, mit dem Vatersnamen Markowitsch („Sohn des Mark“). An der Universität begann er, Ludwik zu benutzen (russisch Ljudowik). Ab 1901 unterschrieb er mit „Dr. L. L. Zamenhof“. Die Reihenfolge Ludwik Lejzer ist eine moderne Konvention. Auf Esperanto heißt er Ludoviko Lazaro Zamenhof; in älteren deutschen Texten findet man auch „Ludwig Lazarus Samenhof“.

Wo wuchs Zamenhof auf?

Er wurde am 15. Dezember 1859 in Białystok geboren – nach dem damals in Russland geltenden julianischen Kalender war es der 3. Dezember. Sein Vater Markus (Mordechai) Zamenhof unterrichtete Französisch und Deutsch, seine Mutter war Rozalia, geborene Sofer.

In Białystok lebten jiddischsprachige Juden, polnische Katholiken, russische Beamte, Belarussen und Deutsche, die oft miteinander im Streit lagen. Zamenhof sagte später, das habe sein Lebenswerk geprägt. Er folgerte, ein großer Teil des Hasses beruhe auf Missverständnissen, und eine neutrale Sprache, die keiner Nation gehört, könne helfen.

Er wuchs mit Jiddisch und Russisch auf, nutzte Polnisch als Wahlsprache und beherrschte Deutsch. Latein, Hebräisch und Französisch las er gut, dazu kamen Grundkenntnisse in Griechisch, Englisch und Italienisch. Als er Englisch lernte, fiel ihm die einfache Grammatik auf, und das überzeugte ihn, dass eine internationale Sprache einfacher sein könne als Latein.

Wie schuf Zamenhof das Esperanto?

Als er Jugendlicher war, zog die Familie nach Warschau. Bis 1878 war sein Projekt Lingwe uniwersala fertig, und am 17. Dezember 1878 stellte er es Schulfreunden vor. Danach studierte er Medizin in Moskau (1879–1881) und in Warschau und arbeitete die Sprache weiter um, vor allem durch das Übersetzen von Literatur.

Das erste Lehrbuch, bekannt als Unua Libro, erschien am 26. Juli 1887 in Warschau, auf Russisch und unterzeichnet mit Doktoro Esperanto – „Doktor Hoffender“. Finanziert wurde es mit dem Geld der Familie seiner Verlobten Klara Silbernik, die er am 9. August 1887 heiratete. In dem Buch verzichtete er auf alle persönlichen Rechte an der Sprache: Sie sollte allen gehören. Lies dazu die ganze Geschichte des Esperanto.

Wie arbeitete Zamenhof als Augenarzt?

Nach dem Studium bildete er sich in der Augenheilkunde weiter, unter anderem 1886 in Wien. Er praktizierte in Veisiejai (heute Litauen), Płock, Grodno (ab 1893) und schließlich in Warschau, wo er im jüdischen Viertel in der Dzika-Straße wohnte und arbeitete. Bis in seine letzten Lebensjahre übte er den Arztberuf aus und widmete sich dem Esperanto in seiner Freizeit; nach einem Herzinfarkt Ende 1914 behandelte er nur noch wenige Patienten.

Welche Beziehung hatte Zamenhof zur deutschen Sprache?

Eine enge. Sein Vater unterrichtete Deutsch, er selbst beherrschte die Sprache, und deutsche Literatur gehörte von Anfang an zu seinem Übersetzerhandwerk: Im ersten Lehrbuch von 1887 stehen neben dem Vaterunser und dem Beginn der Genesis zwei eigene Gedichte und eine Übersetzung von Heinrich Heines „Mir träumte von einem Königskind“ (El Heine'). Später übertrug er Schillers Die Räuber (La Rabistoj) und Goethes Iphigenie auf Tauris (Ifigenio en Taŭrido) ins Esperanto; vor dem Hamleto von 1894 hatte er schon mehrere Novellen und Theaterstücke deutscher und russischer Autoren übersetzt. Noch 1887 erschien eine deutsche Ausgabe des Lehrbuchs unter dem Titel Internationale Sprache, ebenfalls mit dem Pseudonym „Dr. Esperanto“. In Herzberg am Harz erinnert seit 2017, dem hundertsten Todesjahr, ein Zamenhof-Platz an ihn. Zum Esperanto in Deutschland siehe Geschichte.

Was glaubte Zamenhof?

Zamenhof war nicht nur Sprachforscher. Er verstand die Sprache als Teil eines größeren ethischen Vorhabens.

  • Zionismus (1880er Jahre). Nach den Pogromen von 1881–82 schloss er sich der frühen zionistischen Bewegung Hibbat Zion an und gründete in Warschau eine zionistische Studentengruppe. Bis Mitte der 1880er Jahre wandte er sich von ihr ab; in seinem Aufsatz über den Hillelismus (1901) nannte er mehrere Gründe, darunter den, dass den Juden eine gemeinsame Sprache fehle.
  • Hillelismus (1901). Unter dem Pseudonym Homo sum veröffentlichte er einen nach dem Rabbi Hillel dem Älteren benannten Vorschlag: Juden sollten sich einer universellen ethischen Gemeinschaft anschließen.
  • Homaranismus (ab 1906). Er erweiterte den Hillelismus zum Homaranismo („Menschheitsgedanke“): Menschen sollen andere nach ihren Taten beurteilen, nicht nach Herkunft oder Religion, und im Kontakt zwischen Gemeinschaften eine neutrale Sprache verwenden. Er nannte ihn das Ziel seines ganzen Lebens, hielt ihn aber von der Esperanto-Bewegung getrennt, die offiziell neutral blieb.

Der erste Esperanto-Weltkongress nahm 1905 in Boulogne-sur-Mer seine Deklaration von Boulogne an: Esperanto gehört niemandem, und jede andere Idee, die jemand damit verbindet, ist Privatsache. Auf dem achten Kongress 1912 in Krakau legte er alle offiziellen Ämter in der Bewegung nieder (siehe Homaranismus).

Welche Ehrungen erhielt Zamenhof?

JahrEhrung
1905Ritter der französischen Ehrenlegion
1907–191714 Nominierungen für den Friedensnobelpreis in 8 verschiedenen Jahren; die erste durch 12 britische Parlamentsabgeordnete
1938Asteroid 1462 Zamenhof, von Yrjö Väisälä in Turku entdeckt; 1956 nach ihm benannt
1959Die UNESCO ehrt ihn zum hundertsten Geburtstag
2009Google Doodle zum 150. Geburtstag; in Białystok eröffnet das Ludwik-Zamenhof-Zentrum
2017Die UNESCO nimmt seinen hundertsten Todestag in ihre Liste offizieller Jahrestage auf
2017Herzberg am Harz benennt einen Platz nach ihm (Zamenhof-Platz)

Hunderte Straßen, Plätze und Parks weltweit tragen seinen Namen, in Polen, Litauen, Israel, Brasilien und vielen anderen Ländern. Sein Geburtstag, der 15. Dezember, wird als Zamenhoftag gefeiert.

Wie starb Zamenhof?

In seinen letzten Jahren hatte Zamenhof Herzprobleme. Er starb am 14. April 1917 im von Deutschland besetzten Warschau, 57 Jahre alt, wahrscheinlich an einem Herzinfarkt. Zwei Tage später wurde er auf dem Jüdischen Friedhof an der Okopowa-Straße in Warschau beigesetzt, wo sein Grab bis heute ein Ort des Besuchs für Esperanto-Sprecher ist.

Was geschah mit Zamenhofs Familie?

Seine Frau Klara Zamenhof (1863–1924) unterstützte seine Arbeit von Anfang an – das Geld ihrer Familie bezahlte das erste Lehrbuch. Sie starb am 6. Dezember 1924 in Warschau. Ihre drei Kinder kamen alle im Holocaust um:

KindGeborenSchicksal
Adam Zamenhof18881939 von den Deutschen verhaftet; am 29. Januar 1940 in Palmiry bei Warschau erschossen
Zofia Zamenhof1889Ärztin; ging mit ihren Patienten in die Deportationen aus dem Warschauer Ghetto und wurde 1942 in Treblinka ermordet
Lidia Zamenhof1904Esperanto-Lehrerin und Bahá'í, die in Europa und den USA unterrichtete; 1942 in Treblinka ermordet

Adams Sohn Louis-Christophe Zaleski-Zamenhof (1925–2019) überlebte den Krieg im Versteck unter dem Namen Krzysztof Zaleski. Er wurde Bau- und Schiffbauingenieur und lebte ab den 1960er Jahren bis zu seinem Tod in Frankreich.

Häufige Fragen

Wer hat Esperanto erfunden?

Ludwik Lejzer Zamenhof, ein Augenarzt aus Białystok, veröffentlichte es am 26. Juli 1887 in Warschau unter dem Pseudonym Doktoro Esperanto.

War Zamenhof Pole oder Jude?

Beide Bezeichnungen sind gebräuchlich. Er wurde in eine jüdische Familie in Białystok geboren, das damals zum Russischen Reich gehörte und heute in Polen liegt, und lebte die meiste Zeit in Warschau. In seinen Briefen nannte er sich einen „russischen Juden“ (ruslanda hebreo).

Warum schuf Zamenhof das Esperanto?

Er glaubte, dass Konflikte zwischen Völkern von Missverständnissen genährt würden, wie er es unter den Gemeinschaften von Białystok erlebt hatte. Eine neutrale, leichte Zweitsprache würde allen ermöglichen, sich auf Augenhöhe zu begegnen.

Hat Zamenhof den Friedensnobelpreis gewonnen?

Nein. Laut Nominierungsarchiv des Nobelpreises wurde er zwischen 1907 und 1917 vierzehnmal nominiert, gewann aber nie.

Wo ist Zamenhof begraben?

Auf dem Jüdischen Friedhof an der Okopowa-Straße in Warschau, Polen.

Sprachen Zamenhofs Kinder Esperanto?

Ja. Alle drei lernten es, und Lidia wurde eine bekannte Esperanto-Lehrerin. Alle drei wurden 1940–42 von den Nationalsozialisten ermordet.

Quellen

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