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Grammatik

Esperanto Wortbildung: Wurzeln, Affixe, Komposita

Lerne eine Wurzel und die Regeln, und du bekommst oft zehn und mehr Wörter ohne zusätzliches Pauken.

Aktualisiert: 7 Min. Lesezeit

Esperanto-Wörter bestehen aus Teilen, die ihre Gestalt nie ändern: einer Wurzel, wahlweise Präfixen und Suffixen und einer grammatischen Endung. Mal·san·ul·ej·o ist „Gegenteil + gesund + Person + Ort + Substantiv“, also „Krankenhaus“. Kennst du die Teile, kannst du ein Wort zerlegen – und neue bilden.

malPräfixGegenteil
sanWurzelgesund
ulSuffixPerson
ejSuffixOrt
oEndungSubstantiv

malsanulejoKrankenhaus

Deshalb braucht Esperanto weniger Wurzeln als andere Sprachen. Zamenhofs erstes Lehrbuch, das Unua Libro (1887), hatte nur 917 Wurzeln. Mit Endungen, Affixen und Zusammensetzung ergibt jede Wurzel eine Familie verwandter Wörter.

Das Prinzip kennst du aus dem Deutschen, das Wörter ebenfalls zusammensetzt und mit Vor- und Nachsilben ableitet. Nur sind die Esperanto-Bausteine regelmäßig: kein Umlaut, kein Fugen-s, keine Ausnahmen bei der Endung.

Ein Stamm, Dutzende Wörter

Reta Vortaro verzeichnet 23 Wörter aus dem Stamm san-. Hier sind 15 davon – mit ein paar Vor- und Nachsilben verstehst du sie ohne Wörterbuch.

nur Endungmit Nachsilbemit Vorsilbesanosanasanigasanigisanecosanigilosanilomalsanamalsanomalsanulejoresaniĝimalsaniĝiresanigimalsanemaresanigilosan-

malsanulejo

Krankenhaus

  1. malPräfixGegenteil
  2. sanWurzelGesundheit
  3. ulSuffixPerson
  4. ejSuffixOrt
  5. oEndungSubstantiv
Im Wörterbuch

Zeige auf ein Wort oder tippe es an, um Aufbau und Bedeutung zu sehen.

Wortfamilien: Reta Vortaro (GPL); Aufbau: Analysator von Esperantopedia; Bedeutungen: Esperantopedia, Wiktionary, ReVo.

Wortbaukasten
lernWurzellernen
ejSuffixOrt
estrSuffixLeiter, Chef
oEndungSubstantiv

lernejestroSchulleiter

rePräfixwieder, zurück
sanWurzelgesund
iĝSuffixwerden
iEndungInfinitiv

resaniĝigenesen

gePräfixbeide Geschlechter
patrWurzelVater
oEndungSubstantiv
jEndungPlural

gepatrojEltern

Wähle eine Wurzel, dann füge ein Präfix, Suffixe und eine Endung hinzu: Wort und Bedeutung ändern sich sofort.

lernlernenejOrtestrLeiter, ChefoSubstantiv

= lernejestroSchulleiter

Beispiele

Präfix
Wurzel
Suffixe (bis zu 2)
Endung

Vier Arten von Bausteinen

BausteinGeschlossen oder offenWie vieleBeispiele
Wurzelnoffen4953 offizielle Elemente im Wörterbuch der Akademio, dazu 420 Wurzeln von 2023dom-, kur-, bel-
Endungengeschlossen11-o, -a, -e, -i, -as, -is, -os, -us, -u, -j, -n
Affixegeschlossen10 Präfixe, 31 Suffixe, 6 Partizip-Suffixemal-, -ej-, -ant-
Kleine Wörter ohne Endunggeschlossen184 im Wörterbuch der Akademiola, kaj, sur, ankaŭ

Das Wörterbuch der Akademio (Akademia Vortaro) zählt 4953 offizielle Elemente. Darin stecken die 11 Endungen und 184 kleine Wörter; die übrigen brauchen eine Endung. Die 10. Offizielle Ergänzung von 2023 fügte 420 neue Wurzeln hinzu.

Endungen bestimmen die Wortart

Dieselbe Wurzel wird allein durch die Endung zum Substantiv, Adjektiv, Adverb oder Verb. Siehe Substantive und Adjektive und Verben.

EndungWortartrapid-san-
-oSubstantivrapido „Geschwindigkeit“sano „Gesundheit“
-aAdjektivrapida „schnell“sana „gesund“
-eAdverbrapide „schnell, rasch“sane „auf gesunde Weise“
-iVerbrapidi „eilen“sani „gesund sein“

Jede Wurzel hat eine eigene Grundbedeutung: eine Handlung, eine Eigenschaft oder ein Ding. Die -o-Form zeigt sie (PMEG). Kombi „kämmen“ ist eine Handlung, der Kamm ist also kombilo „Kämm-Werkzeug“. Broso „Bürste“ ist ein Ding, das Bürsten heißt deshalb einfach brosi.

Affixe fügen Bedeutung hinzu

Präfixe stehen vor der Wurzel, Suffixe dahinter. Jedes fügt eine Bedeutung hinzu: mal- „Gegenteil“, -ej- „Ort“, -ul- „Person“, -in- „weiblich“, -et- „klein“, -eg- „groß“, -ig- „machen“, -iĝ- „werden“.

Affixe sind auch gewöhnliche Wurzeln. Ejo heißt „Ort“, ilo „Werkzeug“, eta „winzig“, ege „sehr“, ree „wieder“.

Eine Wortfamilie: lern- „lernen“

WortTeileBedeutung
lernilern·ilernen
lernantolern·ant·oLernender, Schüler
lernejolern·ej·oSchule
lernejanolern·ej·an·oSchüler einer Schule
lernejestrolern·ej·estr·oSchulleiter
lernolibrolern·o·libr·oLehrbuch
lernemalern·em·alernwillig
lerneblalern·ebl·aerlernbar
lernadolern·ad·odas Lernen, Lernvorgang
ellerniel·lern·igründlich erlernen, meistern
relernire·lern·inoch einmal lernen
memlernintomem·lern·int·oAutodidakt

Eine zweite Familie, von san- „gesund“: sana „gesund“, malsana „krank“, malsano „Krankheit“, malsanulo „Kranker“, malsanulejo „Krankenhaus“, sanigi „heilen“, resaniĝi „genesen“.

Auch das Deutsche kennt solche Familien, aber sie sind unregelmäßig: „krank – Krankheit – Kranker – Krankenhaus – heilen – genesen“ gehen auf verschiedene Stämme und Fugen zurück. Im Esperanto bilden sie alle um dieselbe Wurzel.

Komposita: Das Grundwort steht zuletzt

Regel 11 des Fundamento: Zusammengesetzte Wörter entstehen durch Aneinanderreihen von Wurzeln, das Grundwort steht zuletzt. Der vordere Teil schränkt die Bedeutung des letzten ein (PMEG). Das ist wie im Deutschen: Ein „Dampfschiff“ ist eine Art Schiff, keine Art Dampf.

  • vaporŝipo – „Dampfschiff“ (ein Schiff, das mit Dampf fährt); ŝipvaporo wäre Dampf, der von einem Schiff kommt
  • fervojo – „Eisenbahn“ (wörtlich „Eisenweg“)
  • ĉefurbo – „Hauptstadt“ (Haupt-Stadt)
  • dikfingro – „Daumen“ (dicker Finger)

Zwischen den Teilen kann ein Bindevokal stehen, meist -o-, damit das Wort leichter auszusprechen oder zu verstehen ist: lern·o·libr·o, sang·o·ruĝ·a „blutrot“. Das ähnelt den deutschen Fugenelementen („Liebes·brief“, „Tages·licht“), ist aber fast immer ein -o- und meist freiwillig. Meist lässt man es weg, wenn der vordere Teil das Grundwort nur wie ein Adjektiv beschreibt: dikfingro, nicht dikafingro (PMEG).

Auch eine Wortgruppe mit Präposition kann zu einem Wort werden. Hier steht das Grundwort nicht am Ende: sen hejmo „ohne Heim“ → senhejma „obdachlos“; inter nacioj → internacia „international“; sub tegmento → subtegmento „Dachboden“. Siehe Präpositionen.

Von 917 Wurzeln zu zehntausenden Wörtern

Das Unua Libro von 1887 hatte 917 Wurzeln, und Zamenhofs Universala Vortaro (1894) fügte 1740 weitere hinzu. Das größte Wörterbuch, der Plena Ilustrita Vortaro, verzeichnete in der Ausgabe von 2002 16.780 Einträge und 46.890 lexikalische Einheiten. Die meisten dieser Einheiten sind abgeleitete Wörter und Zusammensetzungen aus einem viel kleineren Bestand an Wurzeln.

Die Akademio empfiehlt das Prinzip von Notwendigkeit und Genüge, das René de Saussure 1913 formulierte: Benutze jeden Teil, der für eine klare Bedeutung nötig ist, und nicht mehr. Sufiĉo bedeutet schon „Genüge“, sufiĉeco fügt also nichts hinzu.

Fallstricke

1. Feste Bedeutungen. Die Teile erklären ein Wort, definieren es aber nicht. Lernejo ist eine Schule, nicht jeder Ort, an dem jemand lernt. Das kennst du aus dem Deutschen: Ein „Handschuh“ ist nicht jeder Schuh für die Hand. Weitere Beispiele: vortaro „Wörterbuch“ (Sammlung von Wörtern), arbaro „Wald“, vagonaro „Zug“, pordego „Tor“, rideti „lächeln“, ŝtrumpeto „Socke“. Das PMEG merkt an, dass ladskatolo eine Blechdose ist, nicht jede Schachtel aus Blech.

2. Wörter, die nur gebildet aussehen. Kolego „Kollege“ ist nicht kol·eg·o „riesiger Hals“. Okulo „Auge“ ist nicht ok·ul·o „Achter-Mensch“, und haringo „Hering“ ist nicht har·ing·o „Haarhalter“. Das PMEG zählt über 150 Wurzeln im PIV, die nur so aussehen, als enthielten sie das Suffix -et-.

3. -ig- und -iĝ- hängen von der Wurzel ab. Fermi „schließen (etwas)“ ergibt fermiĝi „sich (von selbst) schließen“. Sidi „sitzen“ ergibt sidigi „jemanden setzen“ und sidiĝi „sich hinsetzen“. Prüfe im Wörterbuch, ob ein Verb ein Objekt nimmt.

4. -um- hat keine feste Bedeutung. Kolumo „Kragen“, aerumi „lüften“ und plenumi „erfüllen“ musst du einzeln lernen.

Beispiele in Sätzen

  • Mia fratino lernas en granda lernejo. – „Meine Schwester geht auf eine große Schule.“
  • La lernantoj demandis la instruiston pri la lernolibro. – „Die Schüler fragten den Lehrer nach dem Lehrbuch.“
  • Esperanto estas facile lernebla lingvo. – „Esperanto ist eine leicht erlernbare Sprache.“
  • Mia avo laboris kiel fervojisto. – „Mein Großvater arbeitete als Eisenbahner.“
  • Mia dormoĉambro estas malgranda sed hela. – „Mein Schlafzimmer ist klein, aber hell.“
  • La vortaro helpas min kompreni novajn vortojn. – „Das Wörterbuch hilft mir, neue Wörter zu verstehen.“
  • Ĉu vi havas tranĉilon por la pano? – „Hast du ein Messer für das Brot?“
  • Ŝia parolado estis mallonga kaj klara. – „Ihre Rede war kurz und klar.“
  • Vespere ni hejmeniris piede. – „Am Abend gingen wir zu Fuß nach Hause.“

Häufige Fragen

Wie viele Wörter hat Esperanto?

Es gibt keine feste Zahl, denn man kann jederzeit neue Wörter bilden. Das größte Wörterbuch, der PIV (2002), hat 46.890 lexikalische Einheiten; die offizielle Liste der Akademio umfasst 4953 Elemente plus 420 Wurzeln von 2023.

Kann ich im Esperanto neue Wörter erfinden?

Ja. Jede korrekte Kombination von Teilen ist grammatisch und wird meist verstanden. Prüfe vorher im Wörterbuch, denn es kann schon ein etabliertes Wort mit fester Bedeutung geben.

Warum steht das Grundwort in Esperanto-Zusammensetzungen am Ende?

Regel 11 des Fundamento setzt das Grundwort ans Ende, wie im Deutschen. Der vordere Teil schränkt es nur ein: vaporŝipo ist eine Art Schiff, keine Art Dampf.

Was ist der Bindevokal -o- in Wörtern wie lernolibro?

Ein freiwilliger Vokal zwischen zwei Wurzeln, der das Wort leichter sprechbar oder verständlich macht. Er ist die Substantivendung als Fuge und nimmt nie -j oder -n an.

Warum heißt lernejo „Schule“ und nicht jeder Ort zum Lernen?

Wie in jeder Sprache bekommen Esperanto-Zusammensetzungen eine feste, übliche Bedeutung. Die Teile geben einen starken Hinweis; das Wörterbuch nennt den genauen Sinn.

Quellen

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