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Grammatik

Relativsätze im Esperanto: kiu, kiun, kio und kies

Ein Relativsatz beginnt mit kiu, eine Aussage mit ke – und das -n von kiu hängt nur von seiner Rolle im eigenen Nebensatz ab.

Aktualisiert: 7 Min. Lesezeit

Ein Esperanto-Relativsatz beginnt mit einem ki-Wort, meist kiu, das für das Substantiv steht, das er näher beschreibt: La libro, kiun mi legas, estas bona. – „Das Buch, das ich lese, ist gut.“ Kiu bedeutet „der, die, das“, „welcher“ und „wer“ in einem Wort. Es bekommt -j, wenn das Substantiv im Plural steht, und -n, wenn es im eigenen Satz Objekt ist. Das PMEG nennt diese Nebensätze rilataj subfrazoj.

Der Nebensatz steht direkt hinter seinem Substantiv. Wie im Deutschen darf das Relativwort nie wegfallen: „das Buch, das ich lese“ heißt la libro, kiun mi legas.

Welches Relativwort?

Das beschriebene WortVerwendeBeispiel
eine Person oder Sache, Subjekt des Nebensatzeskiu, kiujLa viro, kiu loĝas tie, estas mia onklo. – „Der Mann, der dort wohnt, ist mein Onkel.“
eine Person oder Sache, Objekt des Nebensatzeskiun, kiujnLa libroj, kiujn mi legas, estas bonaj. – „Die Bücher, die ich lese, sind gut.“
eine Person oder Sache nach einer PräpositionPräposition + kiula amiko, kun kiu mi parolis – „der Freund, mit dem ich gesprochen habe“
ein Besitzerkiesla knabino, kies patro estas kuracisto – „das Mädchen, dessen Vater Arzt ist“
tio, ĉio, io, nenio oder ein ganzer Gedankekio, kionĉio, kion vi diris – „alles, was du gesagt hast“
ein Ort oder eine Zeitkie, kien, kiamla urbo, kie mi naskiĝis – „die Stadt, in der ich geboren wurde“
eine Art, Beschaffenheit oder Mengekiel, kia, kiomtiom da tempo, kiom vi bezonas – „so viel Zeit, wie du brauchst“

Kiu, kiuj, kiun, kiujn

Kiu stimmt in der Zahl mit dem Substantiv überein, das es ersetzt, wie ein Adjektiv. Sein -n (siehe Akkusativ) hängt allein von seiner Aufgabe im Relativsatz ab, nie von der Rolle des Substantivs im Hauptsatz.

Aufgabe von kiu im NebensatzSingularPlural
Subjektkiukiuj
Objektkiunkiujn
nach einer Präpositionkun kiukun kiuj

Zur Wahl der Form machst du aus dem Nebensatz einen eigenen Satz und siehst nach, was kiu ersetzt: Aus Mi legas la libron wird la libro, kiun mi legas (Objekt, also -n); aus La viro loĝas tie wird la viro, kiu loĝas tie (Subjekt, kein -n).

  • Mi vidis la knabon, kiu kantis. – „Ich sah den Jungen, der sang.“ Knabon ist Objekt von vidis, aber kiu ist Subjekt von kantis und hat deshalb kein -n.
  • La knabo, kiun mi vidis, kantis. – „Der Junge, den ich sah, sang.“ Jetzt ist knabo das Subjekt und kiun das Objekt.

Vergleich mit dem deutschen Relativpronomen

Auch im Deutschen richtet sich der Fall des Relativpronomens nach seiner Aufgabe im Nebensatz, nicht nach dem Bezugswort im Hauptsatz. Nur ist es dort schwerer: Das Pronomen ändert sich nach Geschlecht, Zahl und Fall. Im Esperanto fällt das Geschlecht weg, und von den Fällen bleibt das -n.

DeutschEsperanto
der Mann, der dort wohnt (Nominativ)la viro, kiu loĝas tie
der Mann, den ich sah (Akkusativ)la viro, kiun mi vidis
der Mann, dem ich ein Buch gab (Dativ)la viro, al kiu mi donis libron
der Mann, dessen Hund ich fand (Genitiv)la viro, kies hundon mi trovis
der Mann, mit dem ich sprachla viro, kun kiu mi parolis
die Männer, die dort wohnen (Plural)la viroj, kiuj loĝas tie

Für den Dativ und den Genitiv hat das Esperanto also keine eigenen Formen, sondern al und kies. Die Wortstellung bleibt dabei normal: Das deutsche Verb rückt im Relativsatz ans Ende („das Buch, das ich gestern gekauft habe“), das Esperanto nicht: la libro, kiun mi aĉetis hieraŭ.

Präpositionen vor kiu

Die Präposition steht direkt vor kiu, und das Paar eröffnet den Nebensatz. Das Englische darf die Präposition ans Ende stellen, das Esperanto nicht (PMEG) – das Deutsche übrigens auch nicht.

DeutschEsperanto
der Freund, mit dem ich gesprochen habela amiko, kun kiu mi parolis
das Zimmer, in dem wir schlafenla ĉambro, en kiu ni dormas
das Zimmer, in das ich gingla ĉambro, en kiun mi iris

Nach einer Präposition hat kiu kein -n, außer bei einer Richtung: en kiu heißt „in dem“, en kiun „in das“. Diesen Unterschied kennst du von den deutschen Wechselpräpositionen: „in dem“ antwortet auf „Wo?“, „in das“ auf „Wohin?“.

Kio: nach tio, ĉio, io und nenio

Wenn das beschriebene Wort ein Tabellwort auf -o ist, steht kio (Objekt: kion), nicht kiu:

  • Tio, kio okazis, estis stranga. – „Das, was geschah, war seltsam.“
  • Mi komprenis ĉion, kion vi diris. – „Ich verstand alles, was du sagtest.“
  • Ŝi havas nenion, kion ŝi volas kaŝi. – „Sie hat nichts, was sie verbergen will.“

Kio steht auch nach einem Adjektiv, das allein für „das Ding“ steht: la unua, kion mi lernis – „das Erste, was ich lernte“; mit einem Substantiv steht wieder kiu: la unua vorto, kiun mi lernis – „das erste Wort, das ich lernte“. Und kio kann für einen ganzen Satz stehen: Ŝi gajnis la konkurson, kio ĝojigis ĉiujn. – „Sie gewann den Wettbewerb, was alle freute.“

Das entspricht dem Deutschen: Nach „alles“, „nichts“, „etwas“, „das“ und nach einem substantivierten Adjektiv („das Erste“, „das Beste“) steht „was“, nicht „das“.

Kies: „dessen“ und „deren“

Kies ersetzt „dessen“ und „deren“. Es bekommt nie -j oder -n; das Substantiv danach schon:

  • La knabino, kies patro estas kuracisto, loĝas apud mi. – „Das Mädchen, dessen Vater Arzt ist, wohnt neben mir.“
  • Jen la viro, kies hundon mi trovis. – „Hier ist der Mann, dessen Hund ich gefunden habe.“

Kies zeigt vor allem Besitz und Zugehörigkeit. Für einen Teil aus einer Gruppe nimmst du el kiuj: Mi havas tri katojn, el kiuj unu estas nigra. – „Ich habe drei Katzen, von denen eine schwarz ist.“ Das Deutsche muss zwischen „dessen“ (männlich, sächlich) und „deren“ (weiblich, Plural) wählen; kies gilt immer.

Kie, kiam, kiel und die Paare tiu … kiu

Ein ki-Wort antwortet im Hauptsatz oft auf ein ti-Wort derselben Gruppe, deshalb bilden die Tabellwörter eine Tabelle.

HauptsatzNebensatzBeispiel
tiukiuTiu, kiu venis, estas mia frato. – „Der, der kam, ist mein Bruder.“
tiokioMi aŭdis tion, kion vi diris. – „Ich hörte das, was du sagtest.“
tiakiaMi serĉas tian ĉambron, kian vi priskribis. – „Ich suche so ein Zimmer, wie du es beschrieben hast.“
tie, tienkie, kienMi restos tie, kie vi estas. – „Ich bleibe dort, wo du bist.“
tiamkiamVenu tiam, kiam vi povas. – „Komm dann, wenn du kannst.“
tielkielSkribu tiel, kiel vi parolas. – „Schreib so, wie du sprichst.“

Das ti-Wort darf wegfallen, wenn es dieselbe Form hätte wie das ki-Wort: Kiu serĉas, trovas. – „Wer sucht, der findet.“ Unterscheiden sich die Formen, muss es bleiben: Mi konas tiun, kiu telefonis. – „Ich kenne den, der angerufen hat.“ Man kann nicht Mi konas, kiu telefonis sagen, weil tiun ein -n bekäme und kiu nicht.

Nach einem Substantiv funktionieren kie und kiam genauso: la tago, kiam ni renkontiĝis – „der Tag, an dem wir uns trafen“. Kie ersetzt oft „in dem“: la ĝardeno, kie ni ludis = la ĝardeno, en kiu ni ludis – „der Garten, in dem wir spielten“. Als Relativwort ist kial selten: Schreibe la kaŭzo, pro kiu ili foriris – „der Grund, aus dem sie weggingen“.

Ke oder kiu?

Das Deutsche trennt die beiden Aufgaben schon in der Schreibung: „das“ ist ein Relativpronomen („das Buch, das ich las“), „dass“ leitet eine Aussage ein („ich weiß, dass du recht hast“). Das Esperanto trennt sie ebenso. Kiu beschreibt ein Substantiv und ersetzt es im Nebensatz. Ke hat keine eigene Bedeutung und markiert nur den Beginn eines Satzes (PMEG). Siehe Konjunktionen.

DeutschEsperantoWarum
das Buch, das ich lasla libro, kiun mi legisDas Buch ist Objekt von „lesen“.
Ich weiß, dass du recht hast.Mi scias, ke vi pravas.Eine Aussage nach einem Verb des Wissens.
die Nachricht, die Anna mir erzähltela novaĵo, kiun Anna rakontis al miDie Nachricht ist Objekt von „erzählen“.
die Nachricht, dass Anna kommtla novaĵo, ke Anna venosDer Satz nennt, was die Nachricht besagt.

Zum Prüfen setzt du das Substantiv in den Satz zurück. Mi legis la libron funktioniert, also kiun. Anna venos ist auch ohne „Nachricht“ vollständig, also ke. Dasselbe leistet im Deutschen die Ersatzprobe: Lässt sich „das“ durch „welches“ ersetzen, ist es ein Relativpronomen (kiu), sonst ist es „dass“ (ke).

Fragen innerhalb eines Satzes

Eine Frage innerhalb eines Satzes beginnt mit ĉu (Ja-Nein-Frage) oder einem ki-Wort und hat kein Fragezeichen; siehe Fragen und Verneinung.

  • Mi ne scias, ĉu ŝi venos. – „Ich weiß nicht, ob sie kommt.“
  • Mi ne scias, kiu venos. – „Ich weiß nicht, wer kommt.“

Verwende nicht se („wenn, falls“) für „ob“. Dasselbe ki-Wort kann eine Frage sein oder ein Relativsatz mit weggelassenem tion: Mi scias, kion vi diris heißt „Ich weiß, was du gesagt hast“ oder „Ich weiß das, was du gesagt hast“, mit kaum einem Unterschied (PMEG). Im Deutschen leitet „was“ ebenfalls beides ein.

Kommas

Das PMEG kennt keine verbindlichen Kommaregeln; ein Komma steht dort, wo eine natürliche Pause fällt, zum Beispiel vor einem Nebensatz: Mi vidis katon, kiu dormis sur la tablo. – „Ich sah eine Katze, die auf dem Tisch schlief.“ Ein Nebensatz in der Mitte bekommt auf beiden Seiten ein Komma: La viro, kiu loĝas tie, estas mia onklo. Du darfst die Kommas immer setzen, auch um einen Nebensatz, der das Substantiv erst eindeutig macht (PMEG). Im Deutschen ist das Komma um einen Relativsatz Pflicht; diese Gewohnheit passt auch zum Esperanto.

Das Komma steht vor der Präposition, nicht vor kiu: la amiko, kun kiu mi parolis, nie la amiko kun, kiu mi parolis.

Typische Fehler

FehlerBesserWarum
La libro, kiu mi legasLa libro, kiun mi legasKiu ist das Objekt von legas.
Mi vidis la viron, kiun kantis.Mi vidis la viron, kiu kantis.Kiu ist das Subjekt von kantis; das -n von viron wird nicht mitgenommen.
La libro mi legasLa libro, kiun mi legasDas Relativwort darf nicht fehlen.
La amiko, mi parolis kunLa amiko, kun kiu mi parolisDie Präposition steht vor kiu.
ĉio, kiu mi dirisĉio, kion mi dirisNach ĉio steht kio.
La viro, kiu mi donis libronLa viro, al kiu mi donis libronDer deutsche Dativ („dem ich ein Buch gab“) braucht im Esperanto al.
La knabino, kiu patro estas kuracistoLa knabino, kies patro estas kuracisto„Dessen“ und „deren“ sind immer kies.
Mi pensas, kiu vi pravas.Mi pensas, ke vi pravas.Eine Aussage braucht ke („dass“).
Mi ne scias, se ŝi venos.Mi ne scias, ĉu ŝi venos.Ĉu ist „ob“, se ist „wenn, falls“.

Beispiele in Sätzen

  • La filmo, kiun ni vidis hieraŭ, estis tre amuza. – „Der Film, den wir gestern gesehen haben, war sehr lustig.“
  • Mi havas amikon, kiu parolas kvin lingvojn. – „Ich habe einen Freund, der fünf Sprachen spricht.“
  • La urbo, en kiu mi naskiĝis, estas malgranda. – „Die Stadt, in der ich geboren wurde, ist klein.“
  • La homoj, kun kiuj mi laboras, estas tre afablaj. – „Die Leute, mit denen ich arbeite, sind sehr freundlich.“
  • Jen la instruisto, kies lecionojn mi ŝatas. – „Hier ist der Lehrer, dessen Unterricht ich mag.“
  • Ĉio, kion vi bezonas, estas en la sako. – „Alles, was du brauchst, ist in der Tasche.“
  • Mi memoras la tagon, kiam ni unue renkontiĝis. – „Ich erinnere mich an den Tag, an dem wir uns zum ersten Mal getroffen haben.“
  • Ŝi loĝas en la domo, kie loĝis ŝiaj geavoj. – „Sie wohnt in dem Haus, in dem ihre Großeltern gewohnt haben.“

Häufige Fragen

Wie sagt man „der, die, das“, „welcher“ und „wer“ auf Esperanto?

Mit kiu für Personen und Sachen gleichermaßen und kiuj für den Plural: la viro, kiu venis. Nach tio, ĉio, io und nenio steht kio. Das deutsche „dass“ vor einer Aussage ist ke.

Heißt es kiu oder kiun?

Kiun, wenn das Wort im eigenen Nebensatz Objekt ist (la libro, kiun mi legas), und kiu, wenn es Subjekt ist (la viro, kiu loĝas tie).

Kann man das Relativpronomen im Esperanto weglassen?

Nein. „Das Buch, das ich las“ muss la libro, kiun mi legis heißen, und „der Freund, mit dem ich sprach“ muss la amiko, kun kiu mi parolis heißen.

Was ist der Unterschied zwischen ke und kiu?

Kiu beschreibt ein Substantiv und ersetzt es im Nebensatz. Ke leitet nur einen Satz ein, der eine Aussage oder den Inhalt eines Substantivs nennt: Mi scias, ke vi pravas; la fakto, ke li venis. Es ist derselbe Unterschied wie zwischen „das“ und „dass“.

Steht vor kiu ein Komma?

Meist ja: Mi vidis la viron, kiu loĝas tie. Das PMEG setzt keine verbindlichen Regeln, aber ein Komma vor dem Nebensatz ist die übliche Gewohnheit.

Quellen

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